Der Professor

Hier saß sie nun. Wie immer bei Verabredungen und Einladungen einige Minuten zu früh. Anne konnte nicht anders. Wenn sie tatsächlich pünktlich irgendwo erschien hatte sie das Gefühl zu spät dran zu sein. Aber so hatte sie Zeit diese, für sie ungewohnte Umgebung, in Augenschein zu nehmen. Sie ging selten in diese Studentenlokale. Thomas hatte das immer mit einem Lächeln abgetan. „Was willst du da? Wir sind doch Gruftis in deren Augen und bei der lauten Musik kannst du dich sowieso nicht vernünftig unterhalten.“ Als ob mit ihm eine vernünftige Unterhaltung je möglich wäre. Da ging es immer nur um seine Kunden, seinen Alltag, seine Probleme.  Und eigentlich musste sie auch keine Angst haben hier auf Bekannte zu treffen. Doch hier war Leben, pulsierende Lust und gute Stimmung. Die Menschen saßen in kleinen, oder größeren Gruppen zusammen, häufig drang ein Lachen an Annes Ohr und im Hintergrund liefen dezent die Hits die im Radio rauf und runter gespielt wurden. Das hatte so nichts von der ‚Kaschemme‘ als die Thomas diese Kneipe immer betituliert hatte. Anne begann sich zu entspannen und nippte an dem Bier das sie sich bestellt hatte. Eines würde sie sich gönnen. Sie musste ja noch Auto fahren. Und ihre Hände hatten etwas zu tun..denn sie war nervös. Sie war gespannt auf den Mann der sich hier mit ihr verabredet hatte.

Es hatte wirklich nicht lange gedauert, bis die Anzeige auf dem neuen Portal eine Reaktion und entsprechende Anschreiben generiert hatten. Auch wenn ihr Bild hinter einem Schlüsselloch versteckt war, hatte das Schreiben wohl Interesse geweckt. Bald war ein reger Austausch mit einigen Männern entstanden. Darunter hatte sich einer hervorgetan der nicht ganz so plump schrieb und recht nett zu sein schien. Da er auch noch aus der Nähe kam und – lt. seinen Angaben- als Hochschuldozent in einer nahe gelegenen Stadt tätig war, hatte Anne sich mit ihm verabredet. Diese Kneipe war seine Idee gewesen. Er sei öfter hier….nun ja, warum nicht ? Und nun wartete sie auf ihn.
Sie hatte sich fest vorgenommen dieses Date entspannt anzugehen. Nach der letzten Erfahrung würde sie auf keinen Fall am ersten Abend mit dem Kerl auf irgendein Zimmer gehen. Zu tief saß noch der Stachel der Enttäuschung..und der Angst, die sich dann doch eingestellt hatte. Und während  ihre Blicke über die Leute wanderten, näherte sich ihr ein Mann reiferen Alters. Sie hatten als Erkennungszeichen, die örtliche Tageszeitung ausgemacht. Wie originell. Diese hatte Anne neben sich auf den Tresen gelegt. Er hatte sie locker unter seinen Arm geklemmt. Anne nahm ihn erst kurz bevor er vor ihr stand wahr. Das war doch nicht der Mann auf dem Foto??? Dieser Typ hier trug einen Pullunder über dem karierten Hemd, hatte definitiv einige Kilos zu viel auf den Rippen und schien nicht so groß zu sein wie er online angegeben hatte. Anne wäre in dieser Sekunde am liebsten schon aufgestanden und gegangen. Dieser Abend würde kurz werden, doch ihre Erziehung verbat es ihr sich so rüde und ungehobelt zu benehmen.

„Sebastian?“ Anne rutschte vom Barhocker, neigte fragend den Kopf ein wenig und streckte ihm die Hand zur Begrüßung entgegen. Klar das musste er sein.
Susanne?“  – Anne hatte aus Bedacht nicht ihren richtigen Namen auf dem Portal angegeben. Sie begann aus gemachten Fehlern zu lernen und soweit als möglich eine Anonymität zu wahren- Sein Lächeln war fast schüchtern, er machte nicht den Eindrucke eines dominanten Mannes  als der er sich auf dem Portal dargestellt hatte. Soviel mal wieder zur Wahrheit im Internet;)  Möglichst unauffällig ließ Anne ihren Blick über ihn wandern. Jeans, hellbraune Schuhe, der Pullunder und das karierte Hemd..modisch sah anders aus. Das dunkelbraune Haar war an manchen Stellen schon ein wenig dünn und kurz geschnitten. Sein Lächeln war gewinnend und es bildete sich ein Grübchen als er sie nun weiterhin etwas unsicher ansah.

Bleiben wir hier an der Bar? oder wolltest du noch etwas essen, dann wäre es besser sich einen Tisch zu suchen.“ Fragend sah er sie an, während er die Zeitung auf den Tresen legte.
„Lass uns hier an der Bar bleiben. Ich glaube auch nicht, dass wir jetzt noch einen Tisch für zwei bekommen. Ich habe mir schon mal was zu trinken bestellt. Willst du auch was?“ Mit einem Blick signalisierte Sie dem jungen Mann hinterm Tresen dass hier eine weitere Bestellung fällig war.
„Ein Pils bitte“ Sebastian versuchte sich lässig auf dem Barhocker niederzulassen, aber irgendwie sah es unbeholfen aus. Das konnte ja noch was werden.

„Wir sind uns ja recht schnell einig gewesen dass wir uns hier zu einem ersten Beschnuppern treffen. Ich bin nun aber doch schon neugierig was dich auf das Portal treibt und was du dir so vorstellst.“ Anne versuchte die, für Sebastian augenscheinlich peinliche Situation zu entspannen.
Nun, das mag nun etwas merkwürdig klingen, aber auf die Idee hat mich eigentlich meine Frau gebracht. Sie meint unser Sexleben sei festgefahren und langweilig. Sie hat sich einen Liebhaber gesucht, bei mir käme sie nicht auf ihre Kosten und nun soll ich das Gleiche tun. Sie hat mir die Erlaubnis gegeben mich auf so einem Portal umzusehen und eine Geliebte zu finden. Sie meinte, dann hätte ich hinterher bestimmt wieder mehr Interesse an ihr weil ich erkenne dass keine so gut ist wie sie.“

Anne hatte das Gefühl sich verhört zu haben..wie bitte?? Er hatte sich hier mit ihr verabredet ‚weil seine Frau es ihm erlaubt hat?‘ Sowas war ihr ja noch nie untergekommen. Was für eine Frechheit!

„Das ist jetzt aber nicht dein Ernst? Sorry aber mit einer solchen Info den Abend zu beginnen schlägt für mich dem Fass den Boden aus. Glaubst du wirklich, dass eine Frau was mit dir zu tun haben will wenn du ihr eine solche Aussage präsentierst? Warum spielst du auf dem Portal nicht mit offenen Karten..und sagst dass du dein Eheleben mit einer Geliebten aufpeppen willst?“
Anne war lauter geworden als sie es beabsichtigt hatte und aus dem Augenwinkel nahm sie die Blicke der umsitzenden Leute wahr. Egal, hier kannte sie keiner und lange würde sie sowieso nicht mehr bleiben.
„Also, das Treffen hätten wir uns sparen können und lass mich dir einen guten Rat geben. Spiel auf dem Portal mit offenen Karten, vielleicht gibt es ja Frauen die auf sowas abfahren. Auch wenn ich nur auf der Suche nach Spaß und Abwechselung bin, so bin ich mir doch für solche Spielchen zu schade. Und Kerle, die da erst die Erlaubnis ihrer Frau brauchen finde ich schon überhaupt nicht begehrenswert.“ Währenddessen hatte sie ihren Geldbeutel aus der Handtasche gezogen und das Geld für ihr Bier auf den Tresen gelegt. Keine Minute würde sie länger bleiben.

Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Lokal. Verdammt….war sie denn nur auf Looser abonniert?

 

 

 

3 Kommentare zu „Der Professor

      1. siehste. genau richtig. warum glauben die menschen, dass auf einer online dating plattform, deren ziel ja das real life treffen letztlich ist, faken kann? DAS werde ich nie verstehen.

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