Der „Gentleman“

Im Nachhinein fragte Anne sich, ob sie kein Warnzeichen übersehen hatte, ob da irgendetwas gewesen war, das ihr hätte signalisieren müssen dass hier etwas ganz falsch lief. Aber so sehr sie sich auch anstrengte und den Schriftverkehr durchlas, sofern sie da noch etwas lesen konnte, da war nichts:(
Und dabei hatte alles so harmlos angefangen.

Nach dem Pilot war sie erst einmal etwas ernüchtert gewesen. Klar, ihre bisherigen Dates waren nicht unbedingt alle so überragend verlaufen, aber selten hatte sie so im ersten Moment eine Abneigung empfunden. Das war neu für sie gewesen. Doch die Möglichkeit das im Vorfeld bereits abzuklären, VOR einem ersten realen Treffen gab es nicht. Langsam manifestierte sich der Wunsch in ihr nach einer festen Affaire. Sie wollte sich nicht mehr verbal ‚verkaufen‘ aber die Chance, dass sie auf einem Seitensprungportal einen solchen Partner finden würde ging gegen null. Die Männer suchten schnellen, billigen Sex ohne Verpflichtung- wenn sie ehrlich zu sich war sie ja eigentlich auch. Und doch war da  ein Verlangen in ihr das nach ‚Mehr‘ rief.

Mit diesem Gefühl las sie auch die ‚Anzeigen der Männer durch. Wer vermittelte ihr den Eindruck dass da etwas mehr war, wer brachte es mit seinem Text fertig ihre Neugier zu wecken? Da, der war neu. Nun ja, lt. seinem Profil war er schon einige Jahre jünger als sie- passte also nicht unbedingt in ihr Beuteschema- aber er schrieb ansprechend. Zumindest konnte sie es ja mal versuchen. Mit diesem Verbalaustausch war ja noch nichts verloren und wenn, dann hätte sie zumindest eine nette Zeit gehabt.
Sie warf ihre ‚Angel‘ aus und schnell entwickelte sich ein reger Austausch von kleinen Nachrichten auf dem Portal das den Wunsch nachmehr weckte. Er war eloquent, vermittelte den Eindruck der Dominanz, etwas, das Anne zu schätzen wusste, und war geduldig. Auch wenn ihre Lust mittlerweile schon sehr groß war, so hielt sich sich mit der Nachfrage nach einem realen Treffen noch sehr zurück.

Doch irgendwann gab sie sich einen Ruck und fragte, ob er denn nicht an ihr interessiert sei. Sie würde gerne ‚Nägel mit Köpfen machen‘ und sich treffen. Er zögerte etwas und stimmte dann zu. Eine Bedingung hatte er aber. Er würde nicht in ihre Stadt kommen. Sie sollte ihn auf halbem Weg treffen. Da er beruflich stark eingebunden sei, wäre dies für ihn derzeit die einzige Möglichkeit. Uh, das war neu und wäre für sie garnicht so einfach zu organisieren. Sie müsste eine gute Ausrede haben warum sie mit dem Auto so lange weg war. Nach einigem Hin- und Herüberlegen fiel ihr auch etwas ein. Sie hatte sich vor einigen Monaten mit Leuten aus einer Kochgruppe getroffen. Warum sollte das nicht wieder so sein, nur diesmal eben in einer anderen Stadt.

Der Gentleman, wie Anne ihn schon für sich nannte, schickte ihr den Namen und die Adresse eines Hotels in dem er ein Zimmer reserviert hatte. Thomas schluckte ihre Erklärung ohne Probleme und so machte Anne sich nach einigen Tagen auf den Weg. Sie war schon recht angespannt und während der fast einstündigen Autofahrt gingen ihr viele Dinge durch den Kopf. Hätte sie ihrer Freundin Bescheid sagen sollen? Nun ja, bei den anderen Dates hatte sie es auch nicht gemacht, keinem gesagt wo ist ist. Sie war ja auch in ihrer Heimatstadt und ihr Sicherheitsempfinden war da ein anderes- auch wenn das Quatsch war. Nun war es zu spät.

Als sie die genannte Adresse erreicht hatte parkte sie ihren Wagen in der Tiefgarage. Eigentlich wollte er schon da sein, aber gerade als sie den Wagen abschloss erreichte sie eine SMS von ihm ‚Ich bin hier aufgehalten worden und werde mich etwas verspäten. Gehe doch bitte schon mal auf das Zimmer und bereite dich wie erwünscht vor
Sie hatten verabredet, dass sie im Zimmer, nur mit einer weißen Bluse und einem Slip bekleidet, auf ihn warten sollte. Sie fand es aufregend und hatte dem zugestimmt.

Nun ging sie hinauf zur Rezeption in der Annahme, dass er mit der Reservierung auch schon eine Zahlung vorgenommen hatte. Wie hatte sie sich doch geirrt. Er hatte zwar reserviert, aber weder eine Zahlung vorgenommen, noch seine Kreditkarte hinterlegt. Um nun in’s Zimmer zu kommen, musste Anne sowohl für die Tiefgarage als auch das Zimmer in Vorleistung treten. Das hätte ihr zu denken geben sollen, denn bisher waren diese Dates für sie mit keinen Kosten verbunden. ‚Nun, ich lasse mir das Geld später von ihm geben‘ dachte sie bei sich, zückte ihre Kreditkarte, denn über das gemeinsame Konto mit Thomas könnte sie die Rechnung nicht laufen lassen, und bezahlte alles. Dann ging sie hinauf in das Zimmer und bereitete sich vor. Die weiße Bluse hatte sie vorsichtig in ihre Tasche gelegt und die entsprechende Unterwäsche schon zu Hause angelegt. Langsam begann sie nervös zu werden denn die Zeit verstrich ohne dass er kam. Er ließ sie nun schon fast eine Stunde warten. Eigentlich eine Frechheit! Sie würde ihm noch 10 Minuten geben und dann gehen. Da sie bisher nur auf einem Stuhl gesessen hatte und das Bett unberührt war, bekäme sie den Zimmerpreis bestimmt zurückerstattet. Doch in diesem Augenblick trudelte die nächste SMS bei ihr ein. „Ich bin im Hotel, öffne die Tür wie verabredet und stelle dich dann mit dem Rücken zum Eingang an das Bett ( er musste wissen wie die Zimmer aussahen). Halte die Augen geschlossen und warte

Ihr Herz klopfte bis zum Hals und ihr wurde warm. Das war spannend..und gefährlich wie sie sich eingestehen musste aber sie wollte nun keinen Rückzieher machen. Also, Tür öffnen und in Position stellen. Kaum stand sie, hörte sie auch schon die Tür gehen und ihn eintreten. „Schön, dass du meinen Anweisungen so genau gefolgt bist. Wir werden heute Abend viel Spaß haben. Ich lege nur kurz meinen Mantel ab und dann komme ich zu dir. Halte unbedingt die Augen geschlossen

Natürlich hatte sie die Augen nicht ganz geschlossen. Durch eine leichte Drehung des Kopfes sah sie ihn von der Seite kommen. Er stand nun neben ihr und begann sich auszuziehen. Sorgfältig, fast penibel legte er seine Kleidung auf dem Stuhl ab. Sie musste aufpassen dass sie nicht anfing zu lachen. Er trug Strumpfhalter, etwas das sie bei ihrem Vater einmal gesehen hatte. Sah witzig aus. Unterhosen aus Schiesser Feinripp ‚eigentlich hätte er sich da auch etwas ansprechender kleiden können, passt so garnicht zu dem Typ Mann den er so verkörpert‘ dachte sie bei sich als er die Unterhosen auszog und…..sie einen Blick auf seinen in Klopapier eingewickelten Schwanz erhaschte!
Spätestens in diesem Moment hätte ihr klar werden sollen, dass dieser Typ nicht ganz richtig tickte und das Date abbrechen müssen. Doch trotz der Erfahrungen die sie bisher gemacht hatte, war sie noch nicht selbstsicher genug. Dieser Abend sollte sie auf ein neues Level bringen..und sie mehr zur Frau machen als sie es sich hätte träumen lassen.

3 Kommentare zu „Der „Gentleman“

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