Der Pilot

Anne hatte sich ein wenig Zeit gelassen, Im Augenblick war bei ihr im Büro die Hölle los. Irgendwie konnten ihre Kolleginnen und Kollegen es den Kunden nicht recht machen und viele Beschwerden landeten auf ihrem Tisch. Es war nicht immer leicht hier eine angemessene Antwort zu finden die auf der einen Seite kundenorientiert war und auf der anderen Seite die Mitarbeiter nicht vor den Kopf stieß indem sie mit Ihrer Antwort  den Kollegen in den Rücken fiel. Aber manchmal musste sie auch eingestehen dass die Vorstellungen der Kunden einfach zu überzogen war. Wenn ihr dann einer zu dumm kam, konnte sie es ihr Gegenüber auch schon merken lassen:)
All das führte dazu, dass Anne für das Seitensprungportal so gar keinen Kopf hatte. Sie trieb sich zwar immer wieder mal auf den Seiten herum und las die Profile der Männer, aber im Augenblick war auch keiner dabei der sie interessierte. Viele kannte sie schon, die meisten waren – wie immer- phantasielos und plump geschrieben.

Dann ’stolperte‘ sie über den Piloten. Sie hatte ihren Suchradius – die Entfernung der Männer zu ihrem Heimatort- etwas ausgedehnt. Und siehe da, die neuen Ergebnisse waren durchaus vielversprechend. Und da war sogar ein Mann der den Mut hatte sein Profil in Englisch zu schreiben. Den musste sie sich ansehen! Sein Profilbild war interessant, zeigte ihn in einer Fliegermontur , er schien beim Militär zu sein. Ach richtig, da gab es einen großen Militärflughafen in einiger Entfernung. Wenn aus diesem Kontakt etwas werden würde, könnte sie ihre Englischkenntnisse auch etwas aufpolieren. Anne wusste dass Amerikaner, als ein solcher hatte sich der ‚Pilot‘ wie sie ihn schon in Gedanken nannte herausgestellt, auf der einen Seite zwar sehr konservativ waren, auf der anderen Seite aber durchaus anspruchsvoll sein konnten wenn es um Sex ging. Eine Freundin, die seit längerem mit einem Amerikaner befreundet war hatte ihr einige heiße Storys erzählt.

Anfänglich tat sie sich etwas schwer mit dem Piloten einen Dialog zu entwickeln und ihn auf sich aufmerksam zu machen. Ihr Englisch war nicht schlecht doch hatte sie sich bisher noch nie in ‚anregender Konversation‘ versucht. Oft musste sie Worte nachschlagen und zweideutige Aussagen, die ihr in deutsch nicht schwer fielen, hatte sie im englischen nicht parat. Aber nach einigen Tagen entwickelte sich ein stetiger Austausch der auf mehr hoffen ließ. Er war noch auf einem Auslandseinsatz..zumindest schrieb er so, aber er wollte sie unbedingt kennenlernen, war sie doch die bisher einzige Frau, die auf sein Profil in diesem Portal geantwortet hatte.

Anne war vorsichtig geworden. Sie wollte also erst einmal ein Treffen bei dem es tatsächlich um ein erstes beschnuppern ging. Und so schlug sie den Parkplatz nahe der Autobahn vor. Dort wo sie sich auch mit dem Pendler schon getroffen hatte. Er willigte ein und wenige Tage später war es dann soweit.
Er hatte ihr sein Auto beschrieben, einen großen dunklen SUV- typisch Ami- dachte Anne bei sich als sie mit etwas klopfendem Herz auf den Parkplatz fuhr. Er wollte nicht in das Restaurant hinein sondern sich mit ihr im Auto unterhalten. Das fand sie schon etwas schräg, aber er meinte sein Militärstatus, und die Möglichkeit, dass andere Amerikaner ihn hier mit einer Frau sehen könnten machten ‚die Sache‘ für ihn nicht ganz einfach. Was solls dachte sie bei sich und hatte eingewilligt. Er würde ja nicht gleich mit ihr losfahren.

Als sie auf den Parkplatz einbog sah sie sein Auto schon, da, in der hintersten Ecke stand er. Ein kurzer Blick in den Spiegel, den Lippenstift nochmal nachgezogen und dann machte sie sich auf den Weg. Er musste sie gesehen haben, denn als sie sich seinem Wagen näherte stieg er auch schon aus. „Whow..ist der groß..aber irgendwie sieht er auf dem Profilbild anders aus“ dachte Anne bei sich..und dann, in der nächsten Sekunde wusste sie schon dass das hier nichts werden würde. Dieser Mann hatte so garnichts was sie ansprach und mittlerweile wusste sie, dass sie sich nicht verbiegen würde nur um ihre Lust zu befriedigen.
Eigentlich tat er ihr schon leid. Er hatte so hoffnungsvoll geklungen, war so glücklich gewesen- zumindest hatte er das geschrieben- hier eine Frau gefunden zu haben die sich möglicherweise auf eine Affaire mit ihm einlassen wollte. Er sah ja eigentlich nicht schlecht aus. Große, stattliche Figur, dunkle Haare – nun ja eine Rasur täte ihm ganz gut- und legere Kleidung. Für manch andere Frau wäre er bestimmt ein guter Fang. Doch Anne war zu gut erzogen um hier sofort umzudrehen und ihn stehen zu lassen. Sie konnte sich dieses Gefühl ja auch nicht erklären. Vielleicht würde sich dieser erste Eindruck ja auch als falsch herausstellen wenn sie sich mit ihm unterhalten würde. All diese Gedanken gingen in Sekundenschnelle durch ihren Kopf bis sie an seinem Wagen angekommen war. Mit einem verlegenen Lächeln und einem ‚Nice to meet you‚ öffnete er ihr die Beifahrertür und ging dann wieder auf seine Seite.
Jetzt als sie ihn ganz nahe sah, verstärkte sich ihr Bauchgefühl, dass das hier nichts werden würde. Als er dann wieder saß und sie ansah entstand schon eine peinliche Stille, etwas, das sie bei ihren Dates bisher noch nicht erlebt hatte. Er war verlegen und wusste nicht wie er beginnen sollte.  Wohl, weil das was er tat wohl das erste Mal für ihn war.

Anne begann dann mit einem ‚How are you‘ und wenige Minuten später waren sie im Gespräch. Die ganze Situation war merkwürdig und je mehr er von sich erzählte und was er erwartete umso sicherer war Anne dass das nicht ihr ‚Typ‘ war. Er war verheiratet, seine Frau lebte derzeit in Frankreich und er wollte hier jemanden mit dem er Spaß haben könnte. Das dürfe jedoch alles nicht zu öffentlich sein denn er sei beim Militär und müsse vorsichtig sein. Sexuell sei er nicht allzu experimentierfreudig, und würde sich mehr konservativ einschätzen. Immer mehr fragte Anne sich warum er das nicht schon in seinen Schreiben gesagt hatte, den sie hatte den Wunsch nach einem selbstbewussten, starken Mann schon durchblicken lassen.
Verdammt, wie käme sie hier aus dieser Situation nur raus?
Mittlerweile saßen sie hier schon fast eine halbe Stunde. Er hatte ja angedeutet, dass er an diesem Tag nicht viel Zeit hätte und es ihm auch ’nur um einen ersten Eindruck ging. Sie hoffte, dass er bald weg musste, hatte sie doch keine Erfahrung wie man sich hier geschickt aus der Affaire zog. Eigentlich war er ja ein netter Kerl..nur eben nix für sie. Kaum hatte sie das zu Ende gedacht als er auch schon meinte „Hey, my time is up, just as I said, I have to go. I hope I’ve made a good impression and I will hear from you soon. I’d really like to fuck you
Anne hatte schon den Türöffner in der Hand und verabschiedete sich mit einem ‚We’ll see“ wenig Ladylike.
Am nächsten Tag schrieb sie ihm eine nette Nachricht auf seinem Profil und machte ihm klar, dass es zwischen ihnen nicht funktionieren würde.

Das war wieder eines dieser Treffen gewesen die sie für sich als ‚verschwendete Zeit‘ abhakte. Merkwürdig doch harmlos. Wenn sie geahnt hätte was auf sie zukommen würde hatte sie sich auf mehr dieser harmlosen Treffen gefreut.

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