Erste Kontakte

Nun, nachdem Anne ihr Profil online gestellt hatte, hieß es abwarten. Würde sich tatsächlich ein Mann finden, der Interesse an ihr hätte? Sie hatte ihr Profilbild hinter einer Maske versteckt. So sahen potentielle ‚Partner‘ dass da wirklich eine Frau war, aber SIE würde entscheiden wann sie sich hier enthüllen wollte.
Ihr Kopfkino lief schon seit der Registrierung auf Hochtouren. Wie würde es sein, einen Mann anzuschreiben mit dem Wissen, dass es hier wirklich nur um ‚das Eine‘ ging. Und, was noch wichtiger war, würde sie am Ende wirklich den Mut aufbringen mit einem wildfremden Kerl in die Kiste zu steigen?  Doch dann ging alles viel schneller als sie gedacht hatte. Kaum waren Profil und Bild online da trudelten auch schon die ersten Kontaktanfragen ein.
Ließ sich gut an. Einer dieser Männer wohnte auch nicht weit entfernt. Und das war etwas, das Anne in ihrer ersten Lust so vollkommen außer Acht gelassen hatte. Wo sollte man sich treffen? Bei ihr zu Hause ging das ja wohl auf keinen Fall. Nicht nur, dass Frau Müller aus dem ersten Stock sich den Mund zerrissen hätte- die alte Schachtel hatte den lieben langen Tag nichts anderes zu tun als hinter sämtlichen Mitbewohnern des Hauses hinterherzuspionieren- nein, Anne hätte ihre Anonymität aufgeben müssen. Und das wollte sie auf keinen Fall. Und soweit ging ihre Lust nun doch nicht dass sie sich mit anderen Männern in ihrem Ehebett vergnügt hätte. Sowas auch noch bei Abwesenheit von Thomas zu organisieren würde ihre organisatorischen Fähigkeiten übersteigen.
Also ein Hotel, oder, wenn ER ledig war, bei ihm zu Hause. Doch das barg natürlich die Gefahr mal an den Falschen zu geraten. Das war riskant in einer Zeit, in der man immer wieder von Sexsklavinnen, sexuellem Missbrauch o.ä. in der Presse hörte.
Das mit dem Seitensprung war doch nicht so ganz einfach. Aber erst einmal musste  der entsprechende Kerl gefunden werden. Die logistischen Probleme wollte sie angehen wenn es soweit war. Vorerst sollte es  genügen sich schriftlich auszutauschen und so abzuchecken ob da auch Hirn hinter einer großen Klappe steckte. Und große Klappen hatten sie alle die Anne anschrieben.

Sie war erschrocken darüber mit welcher Abfälligkeit manche Männer hier agierten. Da waren oft nur einige wenige Sätze, voller Rechtschreibfehler, plumpe Anmachen – Willst du einen richtigen großen Schwanz, komm ich will es dir besorgen. bis zu ‚du hast es doch nötig mal so richtig durchgefickt zu werden‘ Selten war da mehr, kaum etwas, das Anne’s Interesse geweckt hätte. Die Seiten dieser Männer glichen sich oft. Kaum Profiltext, selten ein Bild- sie würde ihr eigenes Bild nur freischalten wenn sie das Bild des Mannes gesehen hatte um auch sicher zu gehen, dass sie keine unliebsame Überraschung erlebte. Meinten die alle, dass man als Frau gleich Freiwild war wenn man sich auf einer solchen Seite registrierte? Dass die Kerle auf die Suche gingen war offensichtlich gesellschaftlich akzeptierter. MANN wollte sich ja auch als potenter Hengst präsentieren. Frauen wurden offensichtlich als ‚leichte Mädchen‘  gesehen die man so nebenbei vernaschen konnte.

Aber Anne wollte sich davon nicht abschrecken lassen. Wenn ihr einer zu dumm kam, konterte sie mit entsprechenden Kommentaren und löschte diese Anschreiben dann umgehend. Bisher hatte sie sich noch nie wirklich ‚angesprochen‘ gefühlt und war nach ein paar Tagen so frustriert, dass sie das Vorhaben schon aufgeben wollte.

Doch dann, endlich, landete ein Anschreiben im Postfach das sich so wohltuend von den anderen unterschied. Annes Augen blieben gleich an den ersten Zeilen hängen

Hallo schöne Unbekannte“ – was für ein Schleimer, dachte sie bei sich und las doch weiter- „ich hoffe, dass du mir einige Minuten deiner Aufmerksamkeit schenkst, bin ich doch der festen Überzeugung dass sich eine ansprechende Frau wie du vor Anfragen nicht retten kann„- wenn der wüsste:(  – „ich mache aber trotzdem einmal den Versuch und glaube, dass sich auf meiner Seite dieser Verbindung ein Mann verbirgt, der dir durchaus das geben kann was du suchst. Festgefahren in einer Verbindung die ich derzeit nicht lösen will, suche ich doch eine unverbindliche Verbindlichkeit, eine Gespielin für gewisse Stunden. Könntest du dir vorstellen diese Gespielin zu sein- wenn wir feststellen sollten dass wir uns optisch sympathisch sind und uns auch über die Bettkante hinaus etwas zu sagen haben?

„Whoww, das war mal eine gekonnte Anmache“ dachte Anne bei sich und formulierte in Gedanken schon eine entsprechende Antwort.

Danke für dein nettes Schreiben, und ja, ich werde dir meine Aufmerksamkeit schenken. Kommt natürlich darauf an, was genau du dir so vorstellt und ob wir gegenseitig die Gesichtskontrolle überstehen.“
Anne versuchte durch lockere Sprüche für sich selbst die Nervosität zu überwinden die sie nun doch überkommen hatte. Sie war ein Mensch der zu seinen Worten stand. Niemand der anderen etwas vorgaukelte und Versprechen machte die sie dann doch nicht einhielt.
Sei doch so gut und öffne deine Bildergalerie. Ich werde meine Maske dann auch entfernen. Und für den Fall, dass wir beide nicht mit einem ‚oh Gott..oh Gott‘ lachend vor dem Bildschirm zusammenbrechen oder, was noch schlimmer wäre einen Schreikrampf bekommen, können wir ja weiterschreiben. Kann dann ja auch etwas persönlicher werden.“ Sie hatte sich etwas durch sein Profil geklickt und und sie fand das, was sie las sehr ansprechend. Ihre Übereinstimmung betrug 95% was die sexuellen Vorlieben betraf. Sie war an der einen oder anderen Stelle etwas zurückhaltender. Aber was nicht war konnte ja noch werden. Nur wenige Augenblicke später zeigte ihr das System, dass er sein Profil für sie geöffnet hatte. „Irgendwie hat er was von einem Kuschelbär“ dachte Anne bei sich. Der Eindruck verstärkte sich noch bei den folgenden Bildern, die ihn bei Freizeitaktivitäten zeigten. Er war, lt. seinen Profilangaben ein ganzes Stück größer als sie..doch bei dem Gewicht hatte er wohl etwas geschummelt. Auf den Bildern zeigten sich deutliche Rettungsringe um die Hüften. Aber nachdem sie selbst kein Hungerhaken war, konnte dieser Punkt etwas vernachlässigt werden.
Nun war es an der Zeit dass auch sie ihre Maske wegzog. Spannend war der Augenblick schon, denn sie fand sich ‚zu normal‘. Ob sie mit ihrem Allerweltsgesicht und ihrer sehr weiblichen Figur einen Fremden so für sich einnehmen würde dass er sich eine Affaire vorstellen konnte? Es vergingen qualvolle Minuten in denen Annes Hoffnung fast auf den Nullpunkt sank..und dann „na, du bist aber eine tolle Frau! So eine sollte es doch nicht nötig haben hier auf dem Portal zu suchen“ Sprach er über sie?? Na, die rosa Brille solle er mal schön aufbehalten.

Schnell entwickelte sich ein reger Austausch von kurzen Nachrichten in denen sie sich über ihre Vorstellungen und Erfahrungen schrieben. Wie sich herausstellte, war er erst kurz auf dieser Seitensprung Seite und Anne war lustigerweise auch sein erster Kontakt mit dem er sich ein reales Treffen vorstellen konnte. JA, recht schnell war klar, dass sie sich treffen wollten. Ungezwungen zu einem Kaffee, mit der Option es gleich ‚Ernst‘ werden zu lassen wenn die Chemie stimmen sollte. Ganz Gentleman hatte er schon gesagt, dass er die Kosten hierfür komplett übernehmen würde. Das entsprach schon ihren Erwartungen. Nun ging es daran alles zu arrangieren. Fernab ihrer Heimatstadt, soviel war Anne klar. Und es musste eine plausible Erklärung gefunden werden dass sie den ganzen Tag weg war und Thomas nicht mitnahm. Beim Lesen der Zeitung kam Anne am nächsten Tag dann auch schon die passende Idee. In einer nahe gelegenen Stadt gab es eine Foto Ausstellung zu Amerika. Fotografieren war eines ihrer großen Hobbies. Sie hatte ein gutes Auge für Motive und immer öfter gelangen ihr schöne Aufnahmen. Thomas ‚knipste‘ hatte kein Auge für Details und interessierte sich so garnicht für ihr Hobby.
Ja, dort würden sie sich treffen. Ein passendes Hotel sollte zu finden sein. Sie wollte ihrem Kuschelbär- so nannte sie ihn schon in Gedanken- den Vorschlag machen und er konnte dann entsprechend agieren. Sie würde mit dem Zug fahren. Es war ihr ein Graus längere Strecken mit dem Auto zurückzulegen. Ohne Navi ging sowieso nichts denn ihr Orientierungssinn war unterirdisch. In der Stadt sollte es kein Problem sein das Hotel zu finden.

Noch bevor Anne zur Arbeit ging setzte sie sich kurz an den PC und rief IHRE Seite auf. „Du, ich habe eine Idee wie ich hier problemlos einen Tag wegkomme. Kannst du nächste Woche am Freitag? Ich habe so viele Überstunden, dass ich mir auch ohne Urlaub einen freien Tag gönnen kann. Mein Ehemann hat für diese Aktivität kein Interesse. Wir können uns am frühen Nachmittag treffen und hätten dann genug Zeit und zu beschnuppern..und evtl…….“ Anne holte nochmal tief Luft und drückte auf ’senden‘ jetzt hatte sie „A“ gesagt….würde sie in Kürze auch den Mut haben „B“ zu sagen ?

 

Ein Kommentar zu „Erste Kontakte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s